- Hans-Peter Waldrich, Dr. phil.,
- Redakteur, freier Journalist und Gymnasiallehrer.
Lehrbeauftragter am Institut für Allgemeine Pädagogik der Uni Karlsruhe.
Als ausgebildeter Hypnotherapeut betreibt er eine "Praxis für gezielte
Lernförderung". Zahlreiche Buch- und Zeitschriftenveröffentlichungen.
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Erschienen im März 2004
Kurztext:
Körperkult ist "in". Ganze Geschäftszweige leben davon.
Gleichzeitig wurde der Körper aber auch noch nie so sehr gehaßt.
Er ist ein zentrales Symbol allgemeiner Selbstdarstellung und zugleich
für viele ein Feind, den man unbewußt vernichten möchte. In
der Eßstörung - Magersucht und Bulimie - zeigt sich dieses
Paradoxon in deutlicher Zuspitzung. Körperkult und Körperhaß
entsprechen einer Lebensweise, in welcher der Markt die Regie über
das Verhalten der Menschen übernommen hat. Die Körper sind Produkte
dieser Totalisierung des Marktprinzips und repräsentieren durch ihre
Zurichtung dessen Imperative. Schlank-sein um jeden Preis ist nicht nur
ein betriebswirtschaftliches Konzept, sondern auch eine den Individuen
aufgenötigte Devise. Wer nicht mitstrampelt im Diätrummel und
der Trimm-Dich-Tretmühle, mindert seine Marktchancen, entgeht aber
auch der Gefahr, seinen Körper in eine Ware zu verwandeln und damit
letztlich in ein Artefakt.
Rezension in Junge Welt, 9. August 2004, Nr. 181, S. 12
- Warum dieser Unsinn? Waldrich kommt zu bemerkenswerten Erkenntnissen. Es ist die „Objektivierung“ des Körpers zu einer austauschbaren Ware, bei der nun aber nicht deren erkennbarer „Gebrauchswert“, sondern die (eingebildete) Nutzensillusion, die „Als-Ob-Nützlichkeit“, den Prozess der „Verdinglichung der Frau“ zum Durchschnittstypus des weiblichen Geschlechts innerhalb der kapitalistischen Marktwirtschaft befördert. Der im Einzelfall auf nur noch wenige äußerliche (Geschlechts-)Merkmale reduzierte Körper „wird gewissermaßen zum öffentlichen Eigentum als pornographisches Objekt des anderen Geschlechts und als konkurrierende Ware im Wettbewerb um die auffallendste Verpackung.“
- Diese „Als-Ob-Qualitäten“ - so belegt Waldrich unterwerfen Frauen dem Diktat eines von Männern konstruierten Schönheitsbegriffs oder machen Männer zu Dopingopfern der Anabolika- und Pharmaindustrie. Der Schein der Warenwelt produziert den Schein von Schönheit und Leistungsfähigkeit. Körperkult und Schlankheitswahn passen auch wenn es bei Magersüchtigen mit einer Sterblichkeitsrate bis zu 18 Prozent bezahlt werden muss deshalb so gut in Bedingungsgefüge der kapitalistischen Warenproduktion, weil das Individuum in einer Gesellschaft mit sich zunehmend auflösenden sozialen und lokalen Bindungen nicht nur einer „Sinn“-Leere unterworfen ist, die es durch Körperkult auszufüllen sucht, sondern sich auch rein ökonomisch genötigt sieht, „Leistungsfähigkeit“ zu demonstrieren und sei es nur durch Schlanksein.
- „Anerkennung und damit Antwort erhält das Individuum nur, wenn es sich auf das Theater der Warengesellschaft einlässt. Für die wechselnden Auftritte benötigt man den Körper als Maske sowie ein kostümierendes Outfit.“ Hinter dem Mythos der Schönheit steckt die „Verwertungsgesetzlichkeit kommerzieller Märkte“.
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